04.01.2026 | Dr. Ralph Peterli, Rolf Gloor, Winterthur Consulting Group AG
Starke Märkte, schwächeres Fundament
Die Finanzmärkte zeigen sich zum Jahresende bemerkenswert robust – robuster, als es die wirtschaftlichen Fundamentaldaten nahelegen. Während Aktien in vielen Regionen hoch stehen, verliert die Realwirtschaft an Dynamik. Handelskonflikte, strukturelle Schwächen in Europa und China sowie zunehmende Unsicherheiten in den USA prägen das Umfeld. Der Markt bleibt dennoch überzeugt, dass 2026 geldpolitische Entlastung bringen wird.
Weltwirtschaft
Global bleibt das Wachstum verhalten. Industrie- und Bauaktivitäten schwächeln, während der Dienstleistungssektor nur punktuell stützt. Die Inflation bleibt in den USA, Europa und Japan über den Zielmarken und limitiert die Spielräume der Zentralbanken. China bildet weiterhin das Schlusslicht der grossen Volkswirtschaften und kann global kaum Wachstumsimpulse liefern.
USA
Die US-Konjunktur verliert an Breite: Industrie und Arbeitsmarkt zeigen klare Ermüdungserscheinungen, und der Konsum schwächt sich ab. Die Federal Reserve reagierte mit einer Zinssenkung auf 3.75 %, um der konjunkturellen Abkühlung entgegenzuwirken. Gleichzeitig bleiben strukturelle Risiken hoch: stark steigende Staatsverschuldung, hohe Defizite und ein schwacher US-Dollar belasten das Vertrauen der Anleger.
China
Die Schwäche Chinas hat sich zuletzt verstärkt. Industrie- und Dienstleistungsumfragen fielen pessimistischer aus, die Einzelhandelsumsätze stagnieren, und die Investitionen lagen zuletzt 1.7 % unter Vorjahr. Der Immobiliensektor bleibt ein Belastungsfaktor. Die Kerninflation steigt leicht, signalisiert jedoch keine echte Erholung. Ein globaler Wachstumsimpuls aus China ist auch im neuen Jahr unwahrscheinlich.
Europa
Die Eurozone tritt weiter auf der Stelle. Ohne Deutschland ergibt sich ein etwas freundlicheres Bild, doch die strukturelle Schwäche der grössten Volkswirtschaft hemmt die gesamte Region. Die Kerninflation bleibt bei 2.4 % hoch, insbesondere getrieben durch Dienstleistungen. Damit hat die EZB deutlich weniger Spielraum für Zinssenkungen als die Federal Reserve oder die SNB.
Schweiz
Die Schweizer Wirtschaft ist im dritten Quartal um –0.5 % geschrumpft – der schwächste Wert seit der Pandemie. Industrie, Exportsektor und Investitionen zeigen klare Schwächen, während einzig der private Konsum dank höherer Reallöhne stabilisiert. Die Inflation fiel im November auf 0 %, die Kernrate auf 0.4 %, womit die SNB über mehr Flexibilität verfügt als andere Zentralbanken.
Fazit
Die Diskrepanz zwischen Marktoptimismus und realwirtschaftlicher Entwicklung bleibt gross. Während Risiken im globalen Umfeld zunehmen, setzen viele Anleger weiterhin auf das Narrativ der baldigen Zinssenkungen. Gerade in diesem Umfeld zeigt sich erneut: Stabilität entsteht nicht durch Spekulation, sondern durch Disziplin, regelbasierte Strategien und konsequente Diversifikation.
Rolf Gloor, Dr. Ralph Peterli
Winterthur Consulting Group AG
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