18.09.2026 | Livio Hacker
Winterthur baut, doch der Nachwuchs fehlt
Winterthur soll in den kommenden Jahren so viel bauen wie selten zuvor, von neuen Wohnquartieren bis zu Verkehrsinfrastruktur. Wer diese Projekte am Ende tatsächlich umsetzt, könnte zunehmend zur Herausforderung werden. Ausgerechnet die Baubranche findet immer schwerer Lernende, während die Berufslehre insgesamt so gefragt ist wie eh und je. Wie passt das zusammen?
Die Lehre ist nicht out
Ein verbreitetes Bild lautet, immer mehr Jugendliche wollten studieren, die Berufslehre verliere an Bedeutung. Die aktuellen Zahlen stützen das so nicht. Laut einer halbjährlichen Erhebung des Bundes zum Lehrstellenmarkt, dem sogenannten Nahtstellenbarometer des Staatssekretariats für Bildung, Forschung und Innovation, ziehen 63 Prozent der Jugendlichen 2026 eine Berufslehre in Betracht. Die Schweizer Unternehmen bieten in diesem Jahr rund 74'000 Lehrstellen an, bis Anfang Juni waren bereits 68 Prozent davon vergeben, ähnlich wie in den Vorjahren. Die berufliche Grundbildung bleibt damit landesweit der meistgewählte Bildungsweg nach der obligatorischen Schule.
Die Baubranche ist besonders betroffen
Die Ausnahme zeigt sich unter anderem dort, wo Winterthur in den nächsten Jahren besonders viel Nachwuchs brauchen wird. Gemäss dem Nahtstellenbarometer liegen Baugewerbe, Gastgewerbe und Handel bei der Vergabequote am unteren Ende. Dort bleiben überdurchschnittlich viele Lehrstellen offen. Der Bau ist damit nicht die einzige betroffene Branche, aber jene, von der Winterthurs eigene Bauvorhaben am direktesten abhängen. Das zeigt sich auch beim Fachkräftemangel-Index von Adecco und der Universität Zürich. Obwohl sich die allgemeine Lage auf dem Arbeitsmarkt 2025 spürbar entspannt hat, belegen Bauführerinnen, Poliere und Produktionsleiter Rang 2 des Mangel-Rankings, Elektrikerinnen und Elektroniker liegen auf Rang 4. Beide Berufsgruppen sind eng mit der Branche verknüpft.
Wenn Angebot und Nachfrage nicht zueinanderfinden
Warum bleiben ausgerechnet in einzelnen Branchen so viele Lehrstellen offen? Der Bildungsdesk von SRF beschreibt das Phänomen für den Lehrstellenmarkt allgemein als Passungsproblem. Gemeint ist damit, dass Angebot und Nachfrage trotz genügend Lehrstellen nicht zueinander finden. Viele Betriebe klagen über fehlenden Nachwuchs, halten aber gleichzeitig an hohen Anforderungen an die Schulnoten fest. In Bezug auf das Handwerk liefert eine Umfrage der Universität St. Gallen unter 2500 Jugendlichen konkretere Hinweise. Besonders wichtig sind ihnen ein gutes Arbeitsklima, die Vereinbarkeit mit der Familie und geregelte Arbeitszeiten. Dazu wollen 59 Prozent bei der Arbeit sauber bleiben und 26 Prozent einen Beruf ohne körperliche Anstrengung. Diese Erwartungen decken sich laut den Studienautoren nicht immer mit der realen Arbeitswelt. Das Bild vom Handwerk, das niemand mehr lernen will, greift damit zu kurz. Vielmehr zeigt die Studie, dass konkrete Arbeitsbedingungen und die Erwartungen der Jugendlichen eine wichtige Rolle bei der Berufswahl spielen.
Nach der Lehre stehen viele Wege offen
Gleichzeitig sind Lehre und Studium in der Schweiz längst keine Gegensätze mehr. Mit Berufsmaturität und Fachhochschule oder über die Passerelle bis an eine Universität stehen auch nach einer Berufslehre zahlreiche Wege offen. Wer mit 16 einen praktischen Beruf lernt, legt damit nicht fest, wo er mit 30 beruflich steht. Gerade diese Durchlässigkeit könnte ein Argument sein, um eine Lehre im Bau auch für leistungsstarke Jugendliche wieder attraktiver zu machen.
Was das für Winterthur bedeutet
Die Stadt hat mit ihren zahlreichen Bauprojekten einiges vor. Dafür braucht es Menschen, die tatsächlich bauen, nicht nur planen. Immerhin bildet Winterthur selbst in grossem Stil aus. Als Arbeitgeberin beschäftigt die Stadt insgesamt rund 450 Lernende in über 30 Lehrberufen und gehört damit zu den grösseren Ausbildungsbetrieben der Region.
Für eine wachsende Stadt können die Folgen konkret werden. Fehlen den Unternehmen genügend Fachkräfte, steigt der Wettbewerb um qualifiziertes Personal und Bauprojekte können sich verzögern. Gerade wenn gleichzeitig viel gebaut werden soll, wird der Fachkräftemangel damit auch für die weitere Entwicklung Winterthurs relevant.
Doch was lässt sich dagegen tun? Die Erwartungen der Jugendlichen liefern einen Teil der Antwort. Betriebe können mit einem guten Arbeitsklima und attraktiven Ausbildungsbedingungen dazu beitragen, mehr junge Menschen für Bauberufe zu gewinnen. Verbände wiederum können stärker vermitteln, welche Karrierewege eine handwerkliche Ausbildung heute eröffnet. Auch der Kanton Zürich setzt bereits Massnahmen um, um mehr Jugendliche und Erwachsene zu einem Berufsabschluss zu führen.
Für Winterthur wird deshalb mitentscheidend sein, ob es gelingt, genügend junge Menschen für diese Berufe zu gewinnen und ihnen langfristig attraktive Perspektiven zu bieten.
Livio Hacker, Schreiner EFZ und derzeitiger Passerellenschüler
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