Forum Winterthur

25.02.2026 | Benedikt Schmid
Schulabsentismus, ein wachsendes Problem, das politisch zu wenig Beachtung findet

Schulabsentismus ist längst kein Randthema mehr. Schulen berichten seit Jahren von einer spürbaren Zunahme von Schülerinnen und Schülern, die dem Unterricht fernbleiben, sei es für einzelne Stunden, für mehrere Tage oder über längere Zeiträume hinweg. Auch wenn oft belastbare aktuelle Zahlen fehlen, zeichnen die Rückmeldungen aus der Praxis ein klares Bild: Das Problem nimmt zu. Umso erstaunlicher ist, wie selten dieses Thema im politischen Diskurs auftaucht.

Allzu häufig wird Schulabsentismus vorschnell mit «Schulschwänzen» gleichgesetzt. Diese Verkürzung greift jedoch zu kurz. Schulabsentismus umfasst jede Form des Fernbleibens vom Unterricht, unabhängig von den Ursachen. Auch dazu zählen angstbedingtes Vermeidungsverhalten, psychosomatische Beschwerden, familiäre Belastungen oder auch Situationen, in denen Kinder durch Erziehungsberechtigte vom Schulbesuch abgehalten werden. Wer dieses komplexe Phänomen auf eine Frage der Disziplin reduziert, verkennt seine Vielschichtigkeit und erschwert wirksame Lösungsansätze.

Die Folgen sind gravierend. Für die betroffenen Kinder und Jugendlichen bedeutet Schulabsentismus häufig eine schleichende Entfremdung von der Schule. Lernrückstände entstehen, soziale Kontakte brechen weg und nicht selten werden Bildungs- und Lebensperspektiven langfristig beeinträchtigt. Forschungsergebnisse zeigen zudem deutliche Zusammenhänge mit psychischen Belastungen wie Angststörungen oder depressiven Entwicklungen. Schulabsentismus ist deshalb nicht nur ein schulisches Thema, sondern auch eine gesellschaftliche und gesundheitliche Herausforderung.

Trotz dieser Tragweite fehlt vielerorts eine systematische Aufmerksamkeit. Interventionen erfolgen oft zu spät. Fehlzeiten werden nicht konsequent ausgewertet, Warnsignale übersehen oder als vorübergehende Schwierigkeiten abgetan. Dabei ist aus der Forschung bekannt, wie entscheidend eine frühzeitige Wahrnehmung ist. Bereits wenige, scheinbar vereinzelte Absenzen können auf beginnende Problemlagen hinweisen. Wird erst reagiert, wenn sich Verhaltensmuster verfestigt haben, steigen der Aufwand und die Komplexität notwendiger Massnahmen erheblich.

Damit stellt sich unweigerlich eine politische Frage: Warum wird Schulabsentismus nicht stärker als bildungs- und sozialpolitische Aufgabe verstanden?

Ein frühzeitiger Schulabbruch ist mit erheblichen Folgekosten verbunden, sowohl für die Betroffenen als auch für die Gesellschaft. Prävention ist daher nicht nur pädagogisch sinnvoll, sondern auch ökonomisch notwendig. Was bislang fehlt, ist eine breitere politische Einbettung des Themas. Schulen, Eltern und Fachstellen tragen einen grossen Teil der Verantwortung, oft jedoch ohne klare Zuständigkeiten und verbindliche Strukturen. Nicht selten führt diese Unklarheit dazu, dass Absentismus aus Überforderung zu lange unbeachtet bleibt.

In Winterthur wurde im Jahr 2023 ein neuer Leitfaden eingeführt, der genau hier ansetzen sollte. Eine Zwischenbilanz könnte aufzeigen, inwieweit die angestrebten Verbesserungen tatsächlich umgesetzt werden konnten und welche weiteren Schritte erforderlich sind.

Falls Sie selbst als Elternteil betroffen sind, bietet der Beitrag von Stephan Kälin eine hilfreiche Orientierung und vertiefende Einblicke in dieses vielschichtige Thema.

Benedikt Schmid
Redaktion Forum Winterthur

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