22.10.2026 | Andrin Gross
Kommunaler Richtplan Teil 2: Verkehr
Winterthur will wachsen und gleichzeitig den Autoverkehr deutlich reduzieren. Der kommunale Richtplan sieht vor, den Anteil des motorisierten Individualverkehrs (MIV) von 42 auf rund 20 Prozent zu senken. Doch wie lässt sich dieses Ziel mit dem angestrebten Wirtschaftswachstum vereinbaren? Gerade für Gewerbe, Handwerk und Industrie ist eine gute Erreichbarkeit entscheidend. Die Handelskammer und Arbeitgebervereinigung Winterthur (HAW) sieht hier einen zentralen Zielkonflikt.
Der kommunale Richtplan wird die Entwicklung Winterthurs über viele Jahre prägen. Er legt fest, wie die Stadt wachsen soll, wo neue Arbeitsplätze und Wohnraum entstehen können und wie sich die Mobilität entwickeln soll. Doch gerade aus wirtschaftlicher Sicht wirft er wichtige Fragen auf. Die HAW hat sich deshalb bereits mehrfach kritisch mit den vorgesehenen Massnahmen auseinandergesetzt. In einer vierteiligen Blogserie beleuchten wir die wichtigsten Kritikpunkte und zeigen auf, welche Auswirkungen der Richtplan auf Winterthurs Zukunft haben könnte. Nachdem wir uns im ersten Beitrag mit dem Ziel von 30'000 zusätzlichen Arbeitsplätzen beschäftigt haben, steht nun die Verkehrspolitik im Mittelpunkt.
Weniger Autoverkehr trotz mehr Arbeitsplätzen
Die Stadt verfolgt mit dem Richtplan das Ziel, den Anteil des motorisierten Individualverkehrs von bisher 42 auf rund 20 Prozent zu reduzieren. Die HAW unterstützt grundsätzlich Bestrebungen, den öffentlichen Verkehr zu stärken und die Mobilität nachhaltiger zu gestalten. Eine derart starke Reduktion des Autoverkehrs hält sie jedoch für problematisch. Denn gleichzeitig sollen in Winterthur langfristig 30'000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen. Selbst wenn dieses ambitionierte Ziel nicht vollständig erreicht wird, dürfte eine wachsende Wirtschaft auch zusätzliche Verkehrsbewegungen mit sich bringen.
Dabei unterscheiden sich die Bedürfnisse der Unternehmen erheblich. Wer in einem Büro unmittelbar beim Hauptbahnhof arbeitet, kann häufig problemlos mit öffentlichen Verkehrsmitteln pendeln. Für Handwerksbetriebe, Servicetechniker oder produzierende Unternehmen mit regelmässigen Warenlieferungen sieht die Situation anders aus. Sie sind auf eine funktionierende Strasseninfrastruktur angewiesen. Auch für den Detailhandel spielt die Erreichbarkeit eine wichtige Rolle. Werden Parkmöglichkeiten und Zufahrten zunehmend eingeschränkt, könnte dies die Attraktivität der Winterthurer Innenstadt gegenüber Einkaufsstandorten in der Region beeinträchtigen.
Überlastung der A1
Ein wichtiger Bestandteil der städtischen Verkehrsplanung ist die stärkere Nutzung der A1 als Umfahrung Winterthurs. Dadurch soll innerstädtischer Verkehr auf das übergeordnete Strassennetz verlagert und die Innenstadt entlastet werden. Dieser Ansatz ist grundsätzlich nachvollziehbar. Allerdings stösst die A1 rund um Winterthur bereits heute regelmässig an ihre Kapazitätsgrenzen. Werden zusätzliche Verkehrsströme auf die Autobahn gelenkt, ohne zuvor ausreichende Kapazitäten zu schaffen, drohen neue Engpässe.
Die HAW fordert deshalb seit ihrer Stellungnahme von 2023, dass der Ausbau der A1 und die innerstädtische Verkehrsplanung aufeinander abgestimmt werden. Erst wenn leistungsfähige Alternativen bestehen, sollten Kapazitäten auf wichtigen städtischen Verkehrsachsen reduziert werden.
Der Heiligbergtunnel
Besonders relevant ist dabei die Erschliessung der südlichen Stadtteile. Verkehr aus Seen, Mattenbach und dem Tösstal muss heute teilweise grössere Umwege zurücklegen, um auf das Autobahnnetz zu gelangen. Der seit Langem diskutierte Heiligbergtunnel könnte hier Abhilfe schaffen, wird aber derzeit nicht weiterverfolgt. Er würde eine direktere Verbindung zum übergeordneten Strassennetz ermöglichen und könnte gleichzeitig dazu beitragen, die Innenstadt und angrenzende Quartiere vom Durchgangsverkehr zu entlasten.
Aus Sicht der HAW sollte diese Option deshalb langfristig gesichert bleiben. Eine stärkere Nutzung der A1 als Stadtumfahrung ist nur dann sinnvoll, wenn auch die verschiedenen Stadtteile angemessen daran angebunden sind.
ÖV und Gewerbe
Eine zukunftsfähige Mobilitätspolitik darf sich allerdings nicht allein auf den Autoverkehr konzentrieren. Auch der öffentliche Verkehr bietet Entwicklungsmöglichkeiten. Bereits 2023 regte die HAW an, das bestehende Schienennetz und die Quartierbahnhöfe besser zu nutzen und langfristig die Möglichkeit einer Stadtbahn zu prüfen. Ebenso wichtig sind flexible Parkplatzlösungen und attraktive Park-and-Ride-Angebote. Gerade Beschäftigte aus Regionen ausserhalb Winterthurs sind teilweise auf das Auto angewiesen, weil an ihrem Wohnort keine ausreichenden ÖV-Verbindungen bestehen.
Die Verkehrsplanung sollte deshalb stärker auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der einzelnen Stadtteile und Wirtschaftsbereiche eingehen, statt überall dieselben Vorgaben anzuwenden.
Fazit
Winterthur braucht eine Verkehrspolitik, die sowohl die Lebensqualität der Bevölkerung als auch die Bedürfnisse der Wirtschaft berücksichtigt. Ein leistungsfähiger öffentlicher Verkehr und eine funktionierende Strasseninfrastruktur schliessen sich dabei nicht aus, sondern ergänzen sich. Die HAW fordert deshalb eine differenzierte Mobilitätsstrategie, welche die Erreichbarkeit der Unternehmen gewährleistet, den Ausbau der A1 berücksichtigt und langfristige Lösungen wie den Heiligbergtunnel nicht verbaut. Denn wer zusätzliche Arbeitsplätze schaffen will, muss auch dafür sorgen, dass Unternehmen, Mitarbeitende, Kundschaft und Lieferanten diese Arbeitsplätze erreichen können.
Link zur Website der Gegenkampagne hier
Link zur detaillierten Stellungnahme der HAW hier
Andrin Gross, Bachelor of Arts in Politikwissenschaften, Werkstudent HAW
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