Forum Winterthur

20.02.2026 | Andrin Gross, Redaktion Forum Winterthur
Individualbesteuerung: Pro und Kontra

Am 8. März kommt die Abstimmung über die Individualbesteuerung an die Urne. Die Folgen einer Annahme der Initiative sind vielseitig und auch im bürgerlichen Block sind die Meinungen gespalten. Während die FDP sowie der Arbeitgeberverband und die Economiesuisse sich für die Individualbesteuerung aussprachen, sind SVP und die Mitte dagegen. Im Folgenden wird aufgezeigt, was für und gegen eine Individualbesteuerung trifft.

Pro: «Heiratsstrafe» abschaffen
Die Individualbesteuerung soll die sogenannte Heiratsstrafe beseitigen. Besonders profitieren würden Ehepaare mit ähnlich hohen Einkommen sowie zahlreiche Rentnerpaare. Zudem wird der Kinder- und Ausbildungsabzug von derzeit 6’800 auf 12’000 Franken erhöht. Dieser Abzug wird gleichmässig zwischen den Eltern aufgeteilt, sofern beide sorgeberechtigt sind oder finanziell zum Unterhalt beitragen. Hat ein Elternteil kein eigenes Einkommen, kann der Abzug bei dieser Person steuerlich nicht wirksam genutzt werden.

Pro: Fachkräftemangel bekämpfen
Ein zentrales Argument der Befürworter lautet: Erwerbsarbeit soll sich lohnen. Durch die Individualbesteuerung wird das Zweiteinkommen – häufig jenes der Frau – nicht mehr durch die Steuerprogression stark belastet. Dadurch entstehe ein Anreiz, das Arbeitspensum zu erhöhen. Insbesondere gut ausgebildete Frauen könnten so stärker im Arbeitsmarkt eingebunden werden. Dies würde dem Fachkräftemangel entgegenwirken und langfristig auch höhere Altersrenten ermöglichen.

Pro: Modernes Modell
Gemäss Pro-Komitee fördert die Individualbesteuerung die Gleichstellung. Die Ehe sei heute keine lebenslange finanzielle Absicherung mehr. Nach einer Scheidung müssten Frauen gemäss aktueller Rechtsprechung zunehmend eigenständig für ihren Lebensunterhalt aufkommen. Das Steuerrecht solle dieser gesellschaftlichen Entwicklung Rechnung tragen. Zudem seien Einverdiener-Haushalte mittlerweile selten geworden. Das Steuersystem müsse sich an heutigen Lebensrealitäten orientieren und nicht an überholten Familienmodellen.

Kontra: «Traditionelle» Ehen benachteiligt
Die Gegner argumentieren, dass mit der Individualbesteuerung neue Ungleichheiten entstehen würden. Zwar würden Ehepaare steuerlich den Konkubinatspaaren gleichgestellt, jedoch würden Doppelverdiener-Ehen gegenüber traditionell organisierten Einverdiener-Haushalten bevorzugt. Der Staat dürfe jedoch kein bestimmtes Familienmodell steuerlich begünstigen oder benachteiligen.

Kontra: Kompliziert und teuer
Kritiker sprechen von einem erheblichen administrativen Mehraufwand. Wenn künftig jeder Ehepartner eine eigene Steuererklärung einreichen müsse, entstünden rund 1,7 Millionen zusätzliche Steuerdossiers. Dies würde umfangreiche IT-Anpassungen und zusätzliches Personal erfordern. Zudem müsste das gemeinsame Vermögen – etwa Bankkonten oder Immobilien – für die Besteuerung klar aufgeteilt werden, ähnlich wie bei einer güterrechtlichen Auseinandersetzung im Scheidungsfall.

Kontra: Angriff auf den Föderalismus
Insbesondere die Kantone sehen die Reform kritisch. Sie müssten ihre Steuergesetze anpassen und neue Tarife ausarbeiten. Viele Kantone betonen, dass sie die sogenannte Heiratsstrafe bereits durch Splittingmodelle oder spezielle Tarife entschärft hätten. Der Bund solle deshalb nicht ein einheitliches Modell vorgeben. Zudem sei unklar, wie sich die Reform politisch in den Kantonen entwickeln und welche finanziellen Auswirkungen sie letztlich für die Bevölkerung haben würde.

Fazit
Die Individualbesteuerung wirft grundlegende Fragen zur Ausgestaltung des Steuersystems auf. Während Befürworter mehr Gleichstellung und stärkere Erwerbsanreize sehen, warnen Gegner vor neuen Ungerechtigkeiten, hohen Kosten und Eingriffen in den Föderalismus. Die Vorlage betrifft somit nicht nur steuertechnische Details, sondern auch gesellschaftliche Leitbilder und die Rolle des Staates. Die Abstimmung entscheidet darüber, ob sich das Schweizer Steuersystem stärker an individuellen Erwerbsverhältnissen oder weiterhin am bisherigen Paar-Modell orientieren soll.

Links für weiter Informationen:

Allgemeine Infos zur Initiative

Website der Ja-Kampagne

Website der Nein-Kampagne

Andrin Gross, Bachelor of Arts in Politikwissenschaften
Redaktion Forum Winterthur

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