Forum Winterthur

21.04.2026 | Wirtschaft pro Bilaterale
«Der bilaterale Weg ist und bleibt der Schweizer Weg.»

Die Möglichkeiten der Schweiz sollen nüchtern und pragmatisch abgewogen werden, findet Suzanne Thoma, Executive Chair bei Sulzer. Bei den Bilateralen III gehe es nicht um Ideologie, sondern um Stabilität, Marktzugang und Versorgungssicherheit – unter Wahrung der Eigenständigkeit der Schweiz.

Frau Thoma, Sulzer ist ein global tätiges Schweizer Industrieunternehmen mit starker Präsenz in Europa. Wie ist Sulzer heute in europäische Märkte und industrielle Wertschöpfungsketten eingebunden?

Europa ist für Sulzer ein zentraler Markt und ein wesentlicher Teil unserer Wertschöpfung. Ein grosser Teil unserer Kunden, Produktionsstandorte und Zulieferer befindet sich in Europa. Unsere Technologien werden oft in grenzüberschreitenden Projekten eingesetzt – sei es in der Energie-, Chemie- oder Prozessindustrie. Entsprechend sind wir operativ und regulatorisch eng in europäische Lieferketten eingebunden. Für ein Industrieunternehmen wie Sulzer ist ein reibungsloser Zugang zum europäischen Markt absolut entscheidend.

Die Schweizer Industrie ist stark exportorientiert, gleichzeitig sind die Beziehungen zwischen der Schweiz und der EU zunehmend von Unsicherheit geprägt. Wie wirkt sich das konkret auf ein Unternehmen wie Sulzer aus?

Unsicherheit ist für die Planung von Investitionen, Standorten und Lieferketten äusserst schädlich. Für hochspezialisierte Industriegüter ist ein verlässlicher Zugang zum europäischen Markt entscheidend. Am Ende geht es darum, ob ein Unternehmen seine Energie in Innovation und Kunden investieren kann oder in zusätzliche Bürokratie und Absicherung.

Seit dem Abschluss der Bilateralen vor über 25 Jahren hat sich die Schweizer Wirtschaft stark entwickelt. Wenn Sie zurückblicken: Was hat sich für Industrieunternehmen konkret verändert?

Die Schweizer Industrie konnte in dieser Zeit stark wachsen und sich international positionieren. Unternehmen wurden produktiver, spezialisierter und innovativer. Der Zugang zu Märkten, Talenten und Technologien hat dazu beigetragen, dass Wertschöpfung und Wohlstand in der Schweiz deutlich zugenommen haben. Viele Unternehmen konnten komplexere Projekte und höhere Wertschöpfungsstufen in der Schweiz halten. Viele industrielle Arbeitsplätze sind heute höher qualifiziert und besser bezahlt als noch vor 25 Jahren. Diese Entwicklung ist eng mit der Öffnung und Vernetzung durch die bilateralen Verträge verbunden.

Kritiker der Bilateralen fordern immer wieder Kontingente oder Einschränkungen bei der Personenfreizügigkeit. Was würde ein solches System aus Sicht eines Industrieunternehmens bedeuten?

Kontingente würden die Rekrutierung verlangsamen und verteuern. Die Industrie braucht qualifizierte Mitarbeitende dann, wenn Projekte anstehen, nicht Monate später. Es widerspricht zudem dem liberalen Schweizer Arbeitsmarkt, wenn die Verwaltung Anstellungen in der Privatwirtschaft steuern oder gar genehmigen muss. Als Folge davon würden Schweizer Unternehmen neue Arbeitsplätze vermehrt im Ausland schaffen. So würden weitere Stellen in der Schweiz verloren gehen.

Sie waren viele Jahre CEO der BKW und kennen die Herausforderungen der Energieversorgung aus erster Hand. Welche Rolle spielt aus Ihrer Sicht ein Stromabkommen mit der EU für Industrieunternehmen in der Schweiz?

Ein Stromabkommen ist für die Industrie und die Versorgungssicherheit der Schweiz zentral. Die Schweiz liegt mitten in Europa, umso besser wir in den europäischen Strommarkt integriert sind, desto sicherer und günstiger ist unsere Stromversorgung. Ein Stromabkommen ist deshalb eine wichtige Voraussetzung dafür, dass Industrieunternehmen in der Schweiz weiterhin zuverlässig produzieren und investieren können.

Was würden Sie Menschen sagen, die den Bilateralen III skeptisch gegenüberstehen, und warum unterstützen Sie das Paket persönlich?

Ich empfehle allen, die Möglichkeiten der Schweiz nüchtern und pragmatisch abzuwägen. Der bilaterale Weg ist und bleibt der Schweizer Weg. Es geht bei den Bilateralen III nicht um Ideologie, sondern um Stabilität, Marktzugang und Versorgungssicherheit – unter Wahrung der Eigenständigkeit der Schweiz. 

Suzanne Thoma ist Präsidentin des Sulzer-Verwaltungsrats und Executive Chair. Sulzer hat ihren Sitz in Winterthur und ist ein international führender Anbieter von kritischen Anwendungen für Kerninfrastrukturen und -prozesse in den weltweit wichtigsten Industrien. Das Unternehmen beschäftigt weltweit rund 13'000 Mitarbeitende.

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