Forum Winterthur

18.03.2026 | Simon Bründler
Bevölkerungsstagnation in Winterthur: Vorübergehende Atempause oder Trendwende?

Ein aktueller Bericht der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) über das stagnierende Bevölkerungswachstum in Winterthur sorgt für Diskussionen in der Stadtpolitik. Während die einen in den Zahlen ein Warnsignal für die Infrastrukturplanung sehen, deuten andere die Entwicklung als Folge des ausgetrockneten Wohnungsmarktes. Eine Umfrage unter den Winterthurer Stadtparlamentsfraktionen zeigt das breite Spektrum der Analysen auf.

Winterthur blickt auf eine Phase intensiven Wachstums zurück: Zählte die Stadt im Jahr 2009 noch weniger als 100.000 Personen, waren es per Ende 2025 bereits fast 123.000 Einwohner. Doch dieser Trend hat sich massiv abgeflacht. Im vergangenen Jahr stieg die Einwohnerzahl nur noch um knapp 300 Personen, was einer Wachstumsrate von lediglich 0,2 % entspricht – dem schwächsten Wert seit der Jahrtausendwende. Zum Vergleich: In Spitzenjahren wie 2010 oder 2023 wuchs die Stadt jährlich noch um über 2.000 Personen. Das Amt für Stadtentwicklung sieht die Hauptursache primär im Wohnungsbau, da der Bestand im abgelaufenen Jahr netto um 91 Einheiten sank. Zwar wurden 193 Wohnungen neu erstellt, gleichzeitig verschwanden jedoch 284 durch Abbrüche, insbesondere in Oberwinterthur, wo alleine acht Blöcke mit 168 Wohnungen im Rahmen einer Gesamterneuerung zurückgebaut wurden.

Infrastruktur und Investitionen im Fokus
Diese stagnierenden Zahlen lösen bei den politischen Akteuren unterschiedliche Reaktionen hinsichtlich der städtischen Finanz- und Bauplanung aus. Die SVP zeigt sich erstaunt darüber, dass hohe Investitionen weiterhin mit dem Bevölkerungswachstum begründet werden. Angesichts der Stagnation bei den natürlichen Personen warnt sie vor ausbleibenden Steuereinnahmen und fordert einen sofortigen Stopp von Kapazitätsausbauten, bis eine Überprüfung der Notwendigkeit vorliegt. Demgegenüber betrachtet die GLP die aktuelle Phase als Teil natürlicher Bauzyklen und betont, dass Infrastrukturprojekte, die auf Jahrzehnte ausgelegt sind, nicht aufgrund kurzfristiger Schwankungen gestoppt werden dürfen. Dennoch fordert sie eine Steigerung der Effizienz, um die Pro-Kopf-Kosten stabil zu halten. Die Mitte verweist darauf, dass die reale Entwicklung bereits seit 2023 deutlich unter den langfristigen Prognosen liegt, und verlangt für Grossprojekte wie Schulen oder die Kehrichtverwertung künftig Planungen mit verschiedenen Szenarien statt starrer linearer Hochrechnungen.

Angebotsknappheit vs. Nachfragerückgang
Ein zentraler Punkt der Debatte ist die Frage, ob die Nachfrage sinkt oder schlicht das Angebot fehlt. Die Grünen und die SP betonen unisono, dass ein einzelnes Jahr kein Beleg für eine Trendwende sei. Bei einer Leerwohnungsziffer von faktisch Null könne die Stadt kaum wachsen, da schlicht kein freier Wohnraum zur Verfügung stehe. Dass die Bevölkerung trotz des Wohnungsrückgangs minimal wuchs, liegt laut Stadt vor allem am Geburtenüberschuss von 1.071 Geburten gegenüber 886 Todesfällen, während der Netto-Zuzug mit nur 41 Personen fast zum Stillstand kam. Die EVP wertet die aktuelle Verlangsamung derweil als Chance, um bei dringend benötigten Infrastrukturprojekten wie dem Schulraum aufzuholen, da man dem Bedarf zuletzt hinterhergehinkt sei.

Strategische Ziele: Arbeitsplätze und Wohnfläche
Trotz unterschiedlicher Ansätze in der Wachstumsfrage herrscht bei einigen langfristigen Zielen Einigkeit. Die Mitte, die GLP, die EVP und wohl auch die FDP fordern eine höhere Arbeitsplatzdichte in Winterthur, um die Steuerbasis zu stärken und das Verhältnis zwischen Wohnbevölkerung und Arbeitsplätzen zu verbessern. Die Grünen bringen zudem das Thema Suffizienz und Wohnungstauschprogramme ins Spiel, während die SP unterstreicht, dass die heutige, mit einem Durchschnittsalter von 41,3 Jahren vergleichsweise junge Bevölkerung (Kantonsschnitt: 42,2 Jahre), ohnehin eine vorausschauende Planung bei Schulen und Pflegeplätzen benötigt.

Fazit: Strategien gegen den Stillstand
Winterthur ist seit 1990 um 40 % gewachsen und hat damit Zürich (+26 %) deutlich abgehängt. Die aktuelle Stagnation, im Januar 2026 sank die Einwohnerzahl sogar leicht um 50 Personen, wird nun zum politischen Prüfstein für die künftige Strategie.

Die Rezepte gegen den Stillstand spalten die Meinungen: Auf der einen Seite stehen staatliche Programme, wie das vom Volk beschlossene Ziel von jährlich 120 neuen gemeinnützigen Wohnungen, um Verdrängung zu stoppen. Dem gegenüber stehen marktpolitische Narrative, die oft provokativ versprechen, dass weniger Wachstum automatisch die Kosten senke oder die Lebensqualität allein durch Marktdynamik steige. Die Realität zeigt jedoch: Ohne gezielte Impulse und Grossprojekte wie in Oberwinterthur droht die Stadt an ihrer eigenen Attraktivität zu ersticken. Die kommende Debatte wird entscheiden, ob Winterthur auf aktive Steuerung oder auf das Prinzip Hoffnung setzt.

Sagen Sie uns Ihre Meinung

Kommentar schreiben

Teilen Sie diesen Artikel