Forum Winterthur

31.08.2026 | Livio Hacker, Redaktionsteam Forum Winterthur
35 Millionen für die Schützi

Am 27. September 2026 entscheidet die Winterthurer Stimmbevölkerung über 35,13 Millionen Franken für neue Tribünen auf der Schützenwiese. Auf den ersten Blick wirkt die Vorlage wie ein gewöhnliches Bauprojekt. Tatsächlich geht es aber bei dieser Abstimmung um weit mehr als einen Stadionausbau. Doch was steht für den FC Winterthur und die Region wirklich auf dem Spiel?

Ein Verein, der die ganze Region mitreisst
Wer an einem Samstagnachmittag an der Schützenwiese vorbeikommt, merkt schnell, dass sich hier nicht nur Winterthur trifft. Zahlreiche Fans reisen regelmässig aus den umliegenden Regionen und Gemeinden an, um ihren Verein auf der Schützenwiese zu unterstützen. Für viele von ihnen ist der FCW über die Stadtgrenzen hinaus zur sportlichen Heimat geworden. In den vergangenen Spielzeiten besuchten im Schnitt über 8000 Menschen die Heimspiele auf der Schützenwiese. Das ist mehr als bei einigen anderen Vereinen mit deutlich grösseren Stadien und höheren Budgets.

Was den FC Winterthur besonders macht, ist nicht nur der Fussball, sondern die Gemeinschaft rund um den Verein. Auf der Schützenwiese treffen Menschen verschiedener Generationen, Berufe und Lebenswelten aufeinander. Herkunft, Alter oder sozialer Status treten dabei in den Hintergrund. Der FC Winterthur verbindet Menschen, die sich im Alltag sonst kaum begegnen würden.

Worum es beim Ausbau geht
Konkret geht es um den Ersatzneubau der beiden Stirntribünen sowie um ein neues Betriebs- und Garderobengebäude. Die Kapazität soll von rund 8700 auf bis zu 9900 Plätze steigen, gleichzeitig sollen sich die Trainingsbedingungen für den Frauen- und Nachwuchsfussball deutlich verbessern.

Für die Fans würde sich mit dem Umbau einiges ändern. Weil künftig alle Tribünen überdacht wären, dürfte sich auch die Akustik im Stadion verbessern. Für einen Verein, der stark von der Atmosphäre auf der Schützenwiese lebt, wäre das kein Nebenaspekt.

Das Stadtparlament hat der Vorlage im April 2026 mit 51 zu 1 Stimmen bei 2 Enthaltungen zugestimmt. Ein Ergebnis, das eine breite politische Unterstützung für das Projekt zeigt. Jetzt liegt der letzte Entscheid bei der Stimmbevölkerung.

Ein Neustart mit Ambitionen
Der FCW ist letzte Saison aus der Super League abgestiegen und das Vereinsbudget wurde von 17 auf 10 Millionen Franken zurückgefahren. Vereinspräsident Mike Keller hat aber öffentlich klargemacht, dass die Reise zurück in die Super League gehen soll. Diesmal aber mit einem soliden finanziellen Fundament statt einer schnellen Rückkehr um jeden Preis. Der Verein will nicht nur wieder den Aufstieg schaffen, sondern sich in der Super League langfristig etablieren.

Eine modernisierte Schützenwiese passt in dieses Bild. Der Stadtrat weist darauf hin, dass die heutige Infrastruktur nicht einmal die Anforderungen für die Challenge League vollständig erfüllt, geschweige denn jene für die Super League. In diesem Sinn ist der Stadionumbau kein Projekt für den Moment, sondern eine Investition in die Zukunft.

Ohne Projekt keine Lizenz
Die Stadionfrage hat zudem unmittelbare Auswirkungen auf die Lizenzsituation des Vereins. Die Swiss Football League hat dem FC Winterthur die Spiellizenz für die laufende Saison nur unter Auflagen erteilt. Der Klub muss der Liga regelmässig über den Fortschritt des Stadionausbaus Bericht erstatten. Bereits vor der vergangenen Saison war die Lizenz an die Bedingung geknüpft, dass ein laufendes Projekt für den Stadionausbau besteht. Das Pro-Komitee "Ja zur Schützi" warnt entsprechend. Scheitert die Vorlage an der Urne, drohe dem Verein im schlimmsten Fall der Verlust der Ligalizenz, unabhängig davon, wie gut die Mannschaft sportlich dasteht.

Die berechtigten Fragen zu den Kosten
So klar die Sympathien für den Verein in der Stadt auch sind, die Kritik an der Vorlage ist es ebenfalls wert, ernst genommen zu werden. Zu den 35,13 Millionen kommen weitere 3,7 Millionen bereits bewilligte Planungskosten dazu. Der FC Winterthur selbst beteiligt sich mit 2,6 Millionen. Damit trägt der Verein einen vergleichsweise kleinen Anteil der Gesamtkosten. Den grössten Teil trägt die öffentliche Hand.

Der Blick auf andere Schweizer Stadien mahnt zusätzlich zur Vorsicht. Projekte wie der Hardturm in Zürich oder das Torfeld Süd in Aarau verzögerten sich wegen Einsprachen um Jahrzehnte, während die Stadien in St. Gallen und Schaffhausen ihre Vereine in ernsthafte finanzielle Schwierigkeiten brachten.

Rechnet sich der Fussball für Winterthur?
Befürworter der Vorlage verweisen auf die wirtschaftliche Bedeutung des Vereins für die Region. Laut einer Studie vom Beratungsunternehmen EBP und der Hochschule Luzern im Auftrag der Swiss Football League löste der FC Winterthur in der Saison 2024/25 einen Umsatz von rund 49 Millionen Franken aus. Daraus entstand eine Wertschöpfung von 25 Millionen Franken. Zudem waren damit 178 Vollzeitstellen verbunden.

Ein Punkt relativiert dieses Argument allerdings. Diese Zahlen stammen aus einer Saison in der Super League. Nach dem Abstieg in die Challenge League musste der Verein sein Budget kürzen, was die wirtschaftliche Wucht des Arguments kurzfristig schwächt. Der Stadtrat hält dagegen. Ein Stadion werde nicht für einzelne Saisons gebaut, sondern für Jahrzehnte.

Was am 27. September wirklich zur Wahl steht
Neben der Schützenwiese entscheidet Winterthur an diesem Tag auch über einen 85-Millionen-Kredit für das Alterszentrum Adlergarten sowie über den Gestaltungsplan zur ARA Hard. Auf dem Papier ist die Stadionvorlage die kleinste der drei Summen. Reden wird man in der Stadt trotzdem am meisten über sie. Denn kaum ein anderes Projekt ist so stark mit der Identität Winterthurs verbunden.

Ob diese Investition gerechtfertigt ist, muss am 27. September jede und jeder für sich entscheiden. Die Abstimmung beeinflusst jedoch weit mehr als den Bau neuer Tribünen. Sie entscheidet auch über die Zukunft des FC Winterthur und seine Rolle für Stadt und Region. Es wäre dem FCW zu gönnen, wenn das Projekt an der Urne gutgeheissen wird.

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